“Wieso streiken Sie eigentlich nicht?”

„Wieso streiken Sie eigentlich nicht?“

Eine gute Frage. Und nicht leicht zu beantworten. Gestellt wurde sie uns im Rahmen des Spezialisierungsmoduls E-Learning. Unsere erste Reaktion auf diese so nüchterne und zugleich provokante Frage war Ratlosigkeit. Von guten Argumenten zumindest war erst mal nichts zu merken. Und es ist auch nach wie vor nicht leicht, als Student eines, aufgrund seiner sehr günstigen Rahmenbedingungen, sicherlich sehr privilegierten Studienganges einer öffentlichen Hochschule, die Ursachen für die Wut tausender Kommilitonen im ganzen Land zu erkennen. Sicher, wir verfolgen in den Medien, was aus Sicht der Streikenden geändert werden muss. Und nein, wir sind bestimmt auch nicht mit allem zufrieden, was uns in unserem Studienalltag widerfährt. Deswegen gleich streiken? Oder wenigstens Solidarität zeigen? Immerhin sind wir uns bewusst, dass es anderswo anstrengender, frustrierender und obendrein teurer ist, eine gute Ausbildung zu erhalten. Und doch bleiben wir dem Streik kollektiv fern. Aber warum?

Unser Studium dreht sich bekanntermaßen um Kommunikation. Und von diesem Blickwinkel aus sind zumindest einige Statements auf die Streikfrage nachvollziehbar. „Man bekommt nichts davon mit.“ „Ich weiß gar nicht so genau, warum die eigentlich streiken?!?“ Das waren die ersten spontanen Antworten. Klingt erst mal reichlich uninteressiert an den Studienbedingungen „der anderen“. Betrachtet man den Streik allerdings durch die Fach-Brille gibt es tatsächlich ein paar formale Gründe, warum „wir“ nicht daran teilnehmen. Und die sind nicht zuletzt in der Kommunikation zu suchen.

Eins vorweg: Ich sympathisiere mit den „Bildungsverweigerern“, wie sie von einigen Politikern mittlerweile genannt werden. Die Studienbedingungen haben sich aufgrund der Bologna-Reform sicher nicht zum Besseren gewandelt. Als Student wird man mit dem Versuch konfrontiert, Bildung in Häppchen verpackt und diese mehr oder weniger standardisiert vorgesetzt zu bekommen. Andere Theorien oder gar Denkansätze? Kritische Auseinandersetzung mit Inhalten? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dies nicht unbedingt das ist, was beim Lehrpersonal derzeit hoch im Kurs steht. Wie sollte es auch, sind doch die Lehrpläne meistens so dermaßen vollgestopft, dass für derartige Auswüchse schlicht die Zeit und damit auch die Nerven fehlen. (Vergleiche: Blogeintrag vom 21.11.) Dennoch sollte festgehalten werden, dass derart spezialisierte Studiengänge wie der unsere ohne diese Reform wohl nicht denkbar wären.

Aber zurück zur Kommunikation: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“ So ungefähr verhält es sich mit dem Bildungsstreik an der Uni Düsseldorf. Man bekommt schlicht nichts davon mit. Klar, der Infostand beim Heine war von weitem zu sehen, wirkte aber eher wie eine Trutzburg. Einladend sieht anders aus.

Und inhaltlich? Tja, welche Aussage wird denn genau verfolgt? Ich vermisse einheitliche Aussagen, die dann auch realistisch verhandelbar sind. Gegen Studiengebühren zu sein, ist mir bei aller Notwendigkeit zu einfach. Bologna Reform zurücknehmen? Wie soll das denn bitte jetzt noch gehen? Es fehlt ein einfacher, nachvollziehbarer Rahmen für die Proteste. Es fehlt auch ernst gemeinte Verhandlungsbereitschaft. Klar ist, Protest wird immer von Idealismus getragen, aber irgendwann muss der Punkt einsetzen, an dem alle Betroffenen sich an einen Tisch setzen und ernsthaft in Verhandlungen treten. Und spätestens dann haben Forderungen wie „Legalise it“ nichts mehr beim Bildungsstreik verloren. So etwas ist schlicht nicht ernst zu nehmen. Und der Protest sollte an die richtigen Instanzen gerichtet werden.

In der Mensa kam es heute zu einer Protestkundgebung. Die Rede war vorbereitet aber leider zu komplex, als dass man ihr hätte folgen können. Hängen geblieben ist, dass die Protestler sauer auf den Rektor waren. Warum und wie sehr? Tja…

Kleiner Protestbaukasten aus Kommunikationssicht:

  • Findet eine überschaubare Anzahl an streikbaren Argumenten.
  • Formuliert diese Punkte eindeutig, nachvollziehbar und ohne störendes Beiwerk.
  • Findet einen gemeinsamen Nenner dieser Punkte und gestaltet darauf aufbauend den kommunikativen Rahmen.
  • Verzichtet auf Minderheitenmeinungen, die nicht eindeutig ins Streikprofil passen/gehören.
  • Nutzt das Internet. Schon mal was von Web 2.0 gehört?
  • Sucht euch Freunde, die helfen, das Notwendige als eben solches darzustellen. (Wo ist der Rudi Dutschke dieser Tage?)
  • Auch wenn es ein ernstes Thema ist, warum soll es nicht attraktiv verpackt werden?

Autor: jan
Datum: Montag, 7. Dezember 2009 20:22
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