Unterrichtsformen und die Folgen

Zum Abschluss des Semesters noch ein kleines Fazit zum Thema Einfluss von neuen Unterrichtsformen auf das Kommunikationsverhalten der beteiligten Akteure.

E-Learning in allen unterschiedlichen Facetten kann große Auswirkungen auf die Kommunikation und die gefühlte Hierarchie zwischen Studenten untereinander aber auch und insbesondere zwischen Studenten und Lehrpersonal haben. Das Aufweichen der klassischen Vorlesungssituation und das Ausweichen auf andere Kommunikationskanäle hat möglicherweise Einfluss auf das Kommunikationsverhalten aller beteiligten Akteure. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben. Eine kleine Kommunikationsrückschau des vergangenen Semesters ohne Anspruch auf Vollständig- oder Richtigkeit.

Im Laufe dieses Semesters ist mir Dieser Aspekt immer stärker aufgefallen. Er äußert sich in weniger formalisierter, web-affiner Kommunikation der Studenten untereinander aber auch gegenüber dem Lehrpersonal. Dies ist keinesfalls mit Mangel an Respekt oder gar Faulheit zu erklären, sondern hat vielmehr mit den veränderten Rahmenbedingungen, die konkret in der Lehrveranstaltung vorlagen, zu tun. Ein großer Teil der Vorlesungszeit ist von Präsenzveranstaltungen in den Räumen der FH in Online-Veranstaltungen umgewandelt worden. Elementare Teilabschnitte der Veranstaltung finden sich als Zwischenergebnis im eigens hierfür angelegten Online-Forum wieder.

Das in meinen Augen prägendste Element dieses Moduls war Interaktivität. Der Austausch untereinander und die gegenseitige Anregung, die insbesondere durch asynchrone Kommunikation im Forum ermöglicht wurden, haben zumindest in meinem Fall dazu geführt, dass ich mich langfristig intensiver mit verschiedenen Aspekten der Vorlesung beschäftigt habe. Auf diese Weise entstehen ganz andere Möglichkeiten der Auseinandersetzung, als das in herkömmlichen, von Präsenz und Einmaligkeit geprägten Veranstaltungen möglich wäre.

Das Ausweichen auf mediengestütze Kommunikation, die sonst eher privaten, informellen Charakter hat, stellt eine weitere, deutliche Veränderung gegenüber der klassischen Lehrsituation dar. Sowohl Studenten wie Dozenten achten (bewusst oder unbewusst) in den Räumen der Hochschule auf die Einhaltung traditioneller und hierarchisch geprägter Verhaltensmuster. Es ist in jeder Situation unstrittig, wer tonangebend ist.  Diese Grenze wird im Falle von Online-Vorlesungen in gewissem Maße  aufgeweicht. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich der Umgangston komplett wandelt. Und doch sind Unterschiede, so schwer sie konkret zu beziffern sind, deutlich spürbar. Das hängt zum einen sicherlich mit den Restriktionen anderer Medien und Kanäle wie z. B. Skype zusammen. Die fehlende körperliche Präsenz, die aufgrund der technischen Gegebenheiten weniger dynamische Stimmübertragung oder systembedingte Kommunikationsstörungen technischer Art (Shannon & Weaver lassen grüßen) haben zur Folge, dass die Art der Kommunikation sich verändert. Hinzu kommt möglicherweise der Punkt, dass diese Art der Kommunikation zumindest für die Studenten bislang eher privaten Charakter mit eigenen Codes und gegenüber der face to face Situation, veränderter Ausdrucksweise zur Folge hat. Wie stark dieser Effekt auf Dozentenseite ausgeprägt ist, vermag ich nicht einzuschätzen, vermute aber, dass es sich hier ähnlich verhält.

In der Realität der virtuell abgehaltenen Vorlesung äußern sich diese Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Effekten. Klare Redereihenfolgen sind schwer bis nicht erkennbar und werden kaum eingehalten. Dem Gespür aber auch dem Drang, sich in einer Unterhaltung zu Wort zu melden, kommt eine deutlich stärkere Bedeutung zu. Dies kann zu einseitigen Verteilungen von Redeanteilen führen, die eine umsichtige und kompetente Moderation erfordern. Und auch, wenn das Kommunikationsverhalten während online abgehaltener Gruppendiskussionen mit Sicherheit keinen Grund zur Klage geboten hat, herrschte doch eine grundsätzlich andere Stimmung als in der Präsenzveranstaltung.

Deutlich geprägt durch die kleine Kursgröße, waren auch hier mehr Zwischenrufe möglich. Der Einzug von Humor war nicht zu übersehen und –hören und hat sicherlich dazu beigetragen, dass sich alle Teilnehmer (das unterstelle ich hier einfach mal) im Kurs wohlgefühlt haben. Während der Online-Sessions war dieser Effekt allerdings deutlich ausgeprägter und hat eventuell das ein oder andere Mal das 100%ige Erreichen von Ergebnissen dieser Sessions verhindert. Denn auch, wenn die strikte Einhaltung der zeitlichen Vorgaben in diesem Rahmen nicht so vehement eingehalten wurde und werden musste, konnten auch diese Veranstaltungen nicht ewig hinausgezögert werden. Wenn eine Diskussion allerdings ergiebig und flüssig am Laufen war, konnte in diesem Umfeld deutlich flexibler reagiert werden, als der reguläre Vorlesungsbetrieb, geprägt durch einerseits starre Stunden- und Raumplanung , sowie weitere Verpflichtungen von Dozenten und Studenten im Tagesbetrieb andererseits, es jemals ermöglichen würde. So gleicht sich dieser Effekt am Ende wahrscheinlich aus.

Autor: jan
Datum: Montag, 18. Januar 2010 14:27
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2 Kommentare

  1. 1

    Das ist eine schöne Analyse des Einflusses der Gesprächssituation (in diesem Fall die virtuelle) auf das allgemeine Kommunikationsverhalten. Ich stimme Ihnen darin zu, dass der eher informelle Rahmen virtueller Kommunikation und Kooperation oft dazu führt, dass das Verhalten bekannten, ebenfalls informellen Mustern angepasst wird. Oder anders ausgedrückt: Man wechselt das Register. (http://de.wikipedia.org/wiki/Register_%28Linguistik%29)

    Andererseits kann man auch formelles Verhalten in informellen Räumen verwirklichen. Es ist m.E. durchaus möglich, das von Ihnen erwähnte mehr oder weniger subtile hierarchische Verhalten, wie Sie es am FB7 kennen, auch im virtuellen Rahmen beizubehalten.

    Meiner Meinung nach geht es bei diesem Verhalten nur in zweiter Linie um die bewußten oder unbewußten Regeln kommunikatitiven Verhaltens. In erster Linie prägt die Attitüde der Lehrenden den Lernenden gegenüber die Kommunikation. Wenn man als Lehrender die Studierenden als erwachsene Menschen (an-)erkennt, die nicht einfach leere Gefäße sind, in die man sein Wissen hineinschöpft, sondern die ebenfalls Wissen mitbringen (und oft genug spannende Fragen!), dann ist das Verhältnis zueinander von Respekt statt von Hierarchie geprägt. Damit einher geht ein entsprechends Kommunikationsverhalten, dass gegenseitiges Zuhören enthält.

  2. 2

    [...] von Gastdozenten einzusetzen, in einem anderen setzt sich ein Student mit der für ihn neuen Kommunikation zwischen Lehrer und Lernern auseinander. Dieser Beitrag ist bereits eine Art Resumee, noch eindeutiger formuliert es eine [...]